Siegestrunk - Warum wir teures Wasser kaufen

Die Zahlen stehen für einen Boom im Flaschenwassermarkt, der gerade erst begonnen hat. Allein zwischen 1997 und 2005 hat sich der weltweite Konsum mehr als verdoppelt. Und während etwa jeder Deutsche 1970 gerade einmal zwölf Liter jährlich trank, sind es heute 127 Liter. Mit einem Anteil von mehr als sechs Prozent am weltweiten Wasserverbrauch landet Deutschland damit auf Platz sechs unter den Top Ten der Flaschenwassertrinker weltweit – gleich nach den bevölkerungsreicheren Ländern USA, Mexiko, China und Brasilien, nach Italien und noch vor Frankreich und Indonesien. Besonders in Asien nimmt der Flaschenwasserkonsum rasant zu: „In China hat sich der Verkauf innerhalb von fünf Jahren verdoppelt, in Indien sogar verdreifacht“, erklärt Frank Kürschner-Pelkmann, der Entwicklungshilfe-organisationen wie „Brot für die Welt“ berät. Für den Wasserexperten gibt es einen einfachen Grund für den wachsenden Markt in Asien: „Während in Europa der Absatz der verkauften Flaschen meist nur noch vom Hitzegrad des Sommers abhängt, ist in Ländern wie Indonesien oder Indien der Markt längst noch nicht gedeckt.“ Wasser zu kaufen sei dort kein Usus, viele Bewohner können sich die teuren Flaschen gar nicht leisten. Doch eigentlich haben sie keine andere Wahl: In vielen Städten verschlechtert sich die Wasserqualität aus den Leitungen, auf dem Land fehlt die Infrastruktur für ein funktionierendes Leitungssystem oft sogar ganz.

Weil Unternehmen wie Danone, Nestlé, Coca-Cola oder PepsiCo einen Markt mit enormer Gewinnspanne im Blick haben, investieren sie. Sie kaufen lokale Unternehmen auf und bemühen sich um die Rechte an natürlichen Wasserspeichern. China erscheint dabei besonders vielversprechend: Der Pro-Kopf-Verbrauch von Flaschenwasser liegt bei gerade einmal zehn Litern im Jahr. Zudem locken eine Milliarde potenzieller Kunden. Danone ist hier bereits präsent: Mit Wahaha vertreibt der Lebensmittelriese die erfolgreichste Marke des Landes.

Der Erfolgszug des Flaschenwassers begeistert allerdings nicht jeden. Jens Loewe etwa hält es für unmoralisch, Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten zum Flaschenwasser-kauf zu animieren. Über das Thema, das ihn seit vielen Jahren nicht mehr loslässt, hat Loe-we gerade ein Buch geschrieben. Es heißt Das Wassersyndikat und handelt von der „Verknappung und Kommerzialisierung einer lebensnotwendigen Ressource“ - in Europa, aber vor allem auch in Ländern, in denen es traditionell an Wasser mangelt. China etwa oder Indien. Hinter dem neuen Trend, gezielt in diesen Ländern Flaschenwasser zu vermarkten, sieht der Wasseraktivist bewusste Propaganda: „Mit ihrem Wasser versprechen Unternehmen wie Nestlé und Danone Gesundheit und langes Leben – aber in den meisten Fällen ist Leitungswasser genauso gut, zumal wenn die Leute es abkochen.“

Wie die Einführung eines neuen Flaschenwassers in einem Land der Dritten Welt funktioniert, hat Nestlé vor einigen Jahren eindrucksvoll demonstriert. Die Marke Pure Life sollte Menschen ansprechen, die mit ihrem kleinen Einkommen haushalten müssen, um zu überleben. Um bei ihnen Markenbewusstsein zu wecken, soll Nestlé innerhalb von drei Jahren rund 100 Millionen Euro in das Marketing für das Tafelwasser investiert haben. Neben der konventionellen Werbung veranstaltete der Konzern Gesundheitsseminare, in denen etwa Krankenschwestern über die negativen Folgen des Leitungswasserkonsums aufgeklärt wurden. In Pakistan hat Nestlé auf diese Weise binnen eines halben Jahres 50 Prozent des Marktes erobert. Heute ist Pure Life das zweiterfolgreichste Flaschenwasser der Welt – nach Aqua von Danone.

Verglichen mit Coca-Cola oder auch Nestlé stand Danone bislang verhältnismäßig wenig in der Kritik. Für den Wasserexperten Loewe gibt es allerdings nur kleine Unterschied zwischen den Großen im Wassergeschäft: „Die Verfahrensweise ist ähnlich: Ein Konzern kauft das Grundstück, bohrt nach Wasser, verkauft das Wasser oft zu einem tausendmal höheren Preis.“ Für Loewe ist das eindeutig Raubbau.
Dass sich dabei Staat und Privatwirtschaft gelegentlich die Karten zuspielen, hält Loewe nicht nur für denkbar, sondern sogar für wahrscheinlich: „Es wäre recht naiv, nicht davon auszugehen“, sagt er. Denn: „Die Flaschenwasserkonzerne haben natürlich ein gesteigertes Interesse daran, dass die öffentlichen Wasserleitungen heruntergekommen sind. Und der jeweilige Staat ist froh, wenn er eine Ausrede hat – nämlich das Flaschenwasser –, um so wenig wie möglich sanieren zu müssen.“
Flaschenwasser ist eine Industrie mit einem weltweiten Umsatz von insgesamt 63 Milliarden Euro. Die Gründe für den Flaschenwasserboom liegen auf der Hand: Zum einen erweckt die Werbeindustrie den Eindruck, abgepacktes Wasser verheiße Ge-sundheit, Glück und langes Leben. Zum anderen aber sind die Flaschen praktisch in einer Welt, die immer mobiler wird.

Auch im Supermarkt von Evian-les-Bains verkauft sich das Flaschenwasser gut, allen voran natürlich das Wasser der Marke Evian. Ein Angestellter, der die rosa-blauen Evian-Flaschen in die Regalwand räumt, macht allerdings einen Unterschied: „Das Mineralwasser kaufen bei uns vor allem die Touristen“, sagt er. Denn wer in Evian-les-Bains wohnt, habe es gar nicht nötig, die Flaschen für rund 50 Cent pro Liter zu kaufen: „Wir sitzen schließlich an der Quelle.“

Und tatsächlich bildet sich am Nachmittag an dem kleinen Brunnen im Ortszentrum von Evian-les-Bains eine Schlange. Einige Bewohner sind gleich mit einem ganzen Kasten leerer „Evian“-Flaschen gekommen. In ihnen transportieren sie das Wasser literweise nach Hause.

Von Christoph Koch

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