Archive für 24.8.2007

Armut ist ein Umweltverschmutzer (Indira Gandhi)

Nachhaltige Entwicklung? Darüber wird gerne und viel gesprochen. Aber was heißt das eigentlich? Was steckt hinter dieser Idee und woher kommt sie überhaupt? So viel scheint klar: Wir sind alle davon betroffen, denn es geht um unsere Umwelt und Zukunft. Steffen Bauer (32) ist Associate Fellow an der Forschungsstelle für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn. Mit ihm sprachen wir über die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit, notwendige Autofahrten – und den Bundesstaat Kalifornien.

Herr Bauer, fahren Sie mit dem Auto zur Arbeit?

Steffen Bauer: Ich besitze gar keines. In einer Großstadt wie Berlin ist das auch gar nicht nötig. Ich gehöre zu den Schönwetter-Radfahrern und nutze ansonsten die U-Bahn. Schließlich ist es unbestritten, dass der Autoverkehr erheblich zum wachsenden Ausstoß von Kohlendioxid und somit zum Treibhauseffekt beiträgt. Das widerspricht dem Nachhaltigkeitsprinzip, die natürlichen Lebensgrundlagen für zukünftige Generationen zu sichern. Es empfiehlt sich daher, Autos nur dann zu nutzen, wenn es wirklich notwendig ist.

Weniger Autofahren reicht aber nicht aus, um das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung zu erfüllen?

Nein, man muss drei unterschiedliche Dimensionen von Nachhaltigkeit berücksichtigen: die ökologische, ökonomische und soziale Ebene. Aus ökologischer Sicht ist zu beachten, dass die natürlichen Ressourcen auf der Erde endlich sind, also irgendwann aufgebraucht sein werden. Die Ökonomen wiederum betonen die langfristigen Erträge, die aus der Nutzung vorhandener Rohstoffe erwachsen und die notwendig sind, um wirtschaftlichen Wohlstand zu ermöglichen.

Und welche Aspekte gelten für die soziale Ebene?

Wir leben in einer Welt, in der nicht alle dieselben Chancen auf Bildung oder ökonomisches Wachstum haben. Hoch verschuldete Entwicklungsländer in Afrika oder Asien stehen in einem permanenten Verteilungskonflikt mit den reichen Industrieländern. In vielen Gesellschaften werden Frauen immer noch benachteiligt. Durch das Konzept der Nachhaltigkeit soll auch in diesen Bereichen für Ausgleich gesorgt werden.

Stehen diese drei Dimensionen getrennt voneinander?

Auf keinen Fall, sie hängen miteinander zusammen und beeinflussen sich auch wechselseitig. Nehmen Sie die afrikanische Sahelzone als Beispiel. Ein großer Teil der Bewohner/innen ist arm, unterernährt, hat nur geringe Bildungschancen und kaum Möglichkeiten, an politischen Entscheidungsprozessen mitzuwirken. Gleichzeitig verschärft sich ihre ohnehin schwierige Situation durch ungünstige geografische Bedingungen, Umweltverschmutzung und Klimawandel, unter anderem ausgelöst durch den CO2-Ausstoß in den Industrieländern, um an das Thema Autofahren vom Anfang zu erinnern.

Werden die ökonomischen, ökologischen und sozialen Ebenen unterschiedlich gewichtet?

Die frühere indische Präsidentin Indira Gandhi hat bereits in den 1970er-Jahren gesagt, Armut sei der größte Umweltverschmutzer. Auch heute drängen viele Entwicklungs- und Schwellenländer wie Brasilien, China oder Südafrika darauf, Armutsbekämpfung durch wirtschaftliches Wachstum vor Ort stärker zu fördern. Die ökologische Dimension ist dadurch leider etwas in den Hintergrund gerückt.

Woran macht sich das noch bemerkbar?

Nehmen sie den UN-Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg im Jahr 2002. Im Vergleich zur UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung von 1992 wurden umweltpolitische Aspekte dort zu Randthemen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Der Johannesburger Aktionsplan für Wasser, Energie, Gesundheit, Landwirtschaft und Artenvielfalt beinhaltet viele wichtige und notwendige Entscheidungen. Aber ich halte es insgesamt für fatal, den Schutz der natürlichen Umwelt einem Primat der kapitalistischen Marktwirtschaft unterzuordnen.

Das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung: Seit wann gibt es das überhaupt?

Bereits in den 1970er-Jahren wurden die Weichen für das Konzept gestellt. Mit dem Begriff “ecodevelopment” rückte erstmals eine Verknüpfung von ökologischer und wirtschaftlicher Entwicklung in den Blickpunkt internationaler Politik. Im Jahr 1987 prägte anschließend die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung in ihrem Abschlussbericht den Begriff der Nachhaltigen Entwicklung, im Englischen spricht man von “sustainable development”. Auf der schon erwähnten UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung, dem so genannten Erdgipfel von Rio de Janeiro, wurde 1992 von 178 Staaten das Leitbild der Nachhaltigkeit verabschiedet.

Und wie soll es politisch umgesetzt werden?

Während des Rio-Gipfels wurde ein detailliertes Aktionsprogramm entworfen, das auf Handlungsempfehlungen eingeht, und zwar auf lokaler, nationaler und globaler Ebene: die Agenda 21. Das Dokument ist mehr als 400 Seiten dick und enthält eine Vielzahl von konkreten Maßnahmen für einzelne Staaten, internationale Organisationen, aber auch für gesellschaftliche und wirtschaftliche Akteure auf kommunaler Ebene.

Warum gerade die Kommunen?

In Kapitel 28 der Agenda 21 wird ausdrücklich die Rolle der Kommunen hervorgehoben. Sie sind wesentlich näher an den Menschen, als dies eine nationale Regierung sein kann. Indem die Kommunen in einen Dialog mit ihren Bürgern/innen treten und über die Umweltpolitik vor Ort entscheiden, können die Ideen der Bevölkerung besser berücksichtigt werden. Sie beschäftigen sich mit vielen Fragen, etwa: Wie sieht es mit dem Verkehr oder dem Lärmschutz aus? Oft kommen mutige Ergebnisse dabei heraus.

Zum Beispiel?

In den USA gibt es Bundesstaaten und Kommunen, die im Rahmen ihrer eigenen Nachhaltigkeitspolitik darauf hinweisen, dass der gegenwärtige Klimawandel vom Menschen verursacht wird. Sie ergreifen konkrete Maßnahmen, um den Energieverbrauch zu senken und erneuerbare Energien zu fördern. Diese Staaten und Kommunen stehen damit in einem krassen Gegensatz zur offiziellen Umweltpolitik der USA. Der Bundesstaat Kalifornien ist hier vielleicht das bekannteste Beispiel.

Wie sieht es mit der Umsetzung der Agenda 21 in Deutschland aus?

Seit 2001 wird die Bundesregierung durch den Rat für Nachhaltige Entwicklung unterstützt, in dem renommierte Wissenschaftler und führende Wirtschaftsexperten Pläne zur Fortsetzung des Nachhaltigkeits-Projektes entwickeln. So konnte die Regierung eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie verabschieden, die sie in den Folgejahren weiter ausgebaut hat. Seit neuestem werden auch Konsequenzen aus der demografischen Entwicklung berücksichtigt.

Von Marcus Pawelczyk

News

Innerhalb der Mitgliedschaft (5 € Beitrag p.a.) können bald auch Mitglieder anderen Mitgliedern Leistungen oder Vergünstigungen anbieten. An dieser Erweiterung wird derzeit gearbeitet.

Was ist Wasser eigentlich?

Ganz einfach: alles und überall. Einige Eigenschaften.
Ein Verwandlungskünstler
Zwischen null und 100 Grad Celsius ist Wasser flüssig. Deshalb ist es die Basis für unsere Temperaturskala. Erreicht Wasser den Siedepunkt (100 ° C), geht es in den gasförmigen Zustand über. Beim Gefrierpunkt (0 °C) erstarrt flüssiges Wasser zu Eis – Forscher kennen 15 verschiedene Sorten Eis. Das Besondere: Wenn Wasser gefriert, zieht es sich nicht zusammen so wie die meisten anderen Stoffe. Seine Dichte sinkt, es dehnt sich um elf Prozent aus und sprengt Sprudelflaschen und sogar Gestein. Die größte Dichte hat Wasser bei vier Grad Celsius, erst oberhalb dieser Grenze dehnt es sich wieder aus (Anomalie des Wassers). Als Thermometerflüssigkeit ist Wasser selbst deshalb ungeeignet. Paradoxerweise gefriert heißes Wasser – unter bestimmten Bedingungen – schneller als kaltes („Mpemba-Effekt“). Dem warmen Wasser wird mehr Wärmeenergie entzogen, weil die Verdunstungsrate höher ist. Dadurch verliert es auch überproportional an Volumen: Es kühlt und gefriert schneller. Wasser hat noch mehr Tricks auf Lager. Unter bestimmten Bedingungen bleibt es sogar flüssig, wenn man es auf minus 38 Grad Celsius abkühlt.

Quell des Lebens
Klingt kitschig? Ist aber so. Etwa 1,4 Billiarden Liter schwimmen, fließen und plätschern auf der Erde. Damit sind gut 70 Prozent unseres Planeten mit Wasser bedeckt. Bei etwa 97 Prozent handelt es sich um Salzwasser, rund zwei Prozent sind an den Polen und in Gletschern gefroren. Nur weniger als ein Prozent steht uns tatsächlich für die Nutzung zur Verfügung – zum Trinken, Waschen, in der Landwirtschaft und der Industrie. Auch wir Menschen sind echte Wasserwesen: Unsere Körper bestehen zu rund zwei Dritteln aus der Flüssigkeit, ohne die auf der Erde nichts funktionieren würde.
Das Prinzip aller Dinge
Dieser Überzeugung war der griechische Gelehrte Thales von Milet (ca. 625–547
v. Chr.). Heute wissen wir, was das Wasser im Innersten zusammenhält. Es ist das häufigste Molekül auf der Erde und setzt sich aus zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom zusammen, die in der Struktur ein gleichschenkliges Dreieck bilden – ähnlich einem V. Die chemische Formel: H2O. Während das Sauerstoffatom eine negative Teilladung besitzt, hat das Wasserstoffatom eine positive. Durch den winkligen Aufbau entsteht ein sogenanntes Dipolmoment. Zwischen den teilgeladenen Wassermolekülen kann es nun zu Wechselwirkungen kommen: Gleiche Ladungen stoßen sich ab, unterschiedliche ziehen sich an. Durch diese Wasserstoffbrückenbindungen bilden mehrere Moleküle zusammen dreidimensional verknüpfte Cluster. Die Verkettung der Moleküle durch diese Brückenbindungen ist der Grund dafür, dass Wasser unter Normalbedingungen flüssig ist.
Das feuchte, fließende
Im Althochdeutschen hatte es genau diese Bedeutung. Es wurde wazzar genannt, auf diesen Begriff geht unser Wort Wasser zurück. In fast allen indoeuropäischen Sprachen gab und gibt es verschiedene Formen des Begriffs: Im Hethitischen sprach man von watar, im Litauischen sagt man vanduo, uda heißt Wasser auf Sanskrit. Aus dem altgriechischen hydor leiten sich viele Fremdwörter ab, etwa der Hydrant oder die Hydraulik. Das lateinische Wort aqua findet sich in den meisten romanischen Sprachen wieder. Übrigens: Auf Russisch nennt man Wasser voda. Wem aber in Russland ein Wässerchen angeboten wird, der sollte aufpassen: Bei dieser Verniedlichung des Wortes handelt es sich um nichts anderes als hochprozentigen Wodka.

Unheimlich
Forscher unterscheiden rund vierzig Anomalien, das heißt Abweichungen von naturwissenschaftlich erwartbarem Verhalten. Kein Wunder also, dass immer wieder merkwürdige Thesen über das Wasser auftauchen. 1988 publizierte etwa Jacques Benveniste im Fachmagazin Nature, Wasser habe ein Gedächtnis. Leider zeigte sich sein flüssiger Proband jedoch höchst vergesslich, als der Wissenschaftler seinen Versuch zum Beweis wiederholen sollte. Das hielt den japanischen Alternativmediziner Masaro Emoto nicht davon ab zu behaupten, Wasser könne zwischen guter und schlechter Musik unterscheiden, die Gefühlslage der Menschen widerspiegeln und obendrein auch noch lesen. Die Beweise dafür fehlen bisher allerdings.

Farblos und durchsichtig
Trotz weißer Schwimmbadkacheln schimmert es im Becken bläulich. Schuld daran ist das Licht. Seine Strahlen bestehen aus Wellen unterschiedlicher Länge, und damit aus verschiedenen Farben. Alle Farben zusammen ergeben weißes Licht. Treffen die Strahlen auf einen Gegenstand, wird ein Teil davon geschluckt, ein Teil reflektiert. Letzterer bestimmt unseren Farbeindruck. Wassermoleküle absorbieren den roten Anteil des Lichts, der reflektierte blaue wird von unseren Augen wahrgenommen. Je tiefer das Wasser, umso intensiver das Blau. Als Schnee wird Wasser aber plötzlich weiß. Denn Schneekristalle absorbieren überhaupt keine Lichtwellen, sie werfen die Strahlen mit all ihren Farben zurück.
Von Barbara Lich

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