Archive für 29.8.2007

Darf Wasser eine handelbare Ware sein?

Ein Auto kann man kaufen oder man kann es lassen. Beim Wasser ist das anders. Jeder Mensch braucht es wie die Luft zum Atmen. Wasser ist unverzichtbar – für Mensch und Natur gehört es zu den elementaren Lebensmitteln. Deswegen besteht für jeden Menschen ein Recht auf Wasser. Doch dieses Recht allein löscht noch keinen Durst: Weltweit sind 1,2 Milliarden Menschen von diesem Recht ausgeschlossen: Jeder Fünfte auf diesem Planeten besitzt keinen Zugang zu Trinkwasser.

Verbrauch und Missbrauch

Darf Wasser vor diesem Hintergrund eine handelbare Ware sein, mit der sich einige Konzerne eine goldene Nase verdienen? Oder ist Wasser ein öffentliches Gut, das geschützt, verteidigt und für jeden frei verfügbar sein sollte? Für Gerard Mestrallet, Chef des französisch-belgischen Wasser-Multis Suez-Ondéo, ist die Sache klar: “Gott hat das Wasser geliefert, aber nicht die Rohre”, lautet seine ebenso lapidare wie häufig zitierte Antwort. So leicht machen es sich die Herausgeber des bildgewaltigen Sachbuches “Wem gehört das Wasser?” nicht. Auf mehr als 500 Seiten beleuchten sie das vielschichtige Phänomen Wasser: Die Autoren/innen staunen über dessen Einzigartigkeit, erforschen die chemischen Eigenschaften, ärgern sich über verpestetes Wasser, zeigen die Kehrseiten der ungehemmten Privatisierung und erklären, wie die Abhängigkeit von Wasser politisch missbraucht wird.

Neben einer Flut an gut recherchierten Fakten beschreibt das Buch vor allem die ökologischen, kulturellen und gesellschaftspolitischen Zusammenhänge, die sich hinter der Oberfläche auftürmen. Beispiel Landwirtschaft: Dort werden siebzig Prozent des vom Menschen genutzten Süßwassers verbraucht, zwei von drei Tonnen Getreide wachsen auf künstlich bewässerten Feldern. So verschlingt die Produktion eines Kilogramms Weizen bis zu 4.000 Liter Wasser. Selbst Wüstenstaaten wie Saudi-Arabien gehören mittlerweile zu den wichtigen Exporteuren von Weizen. Die Folge: Weltweit werden fossile Grundwasservorräte im großen Stil geplündert. Zudem entstehen immer mehr Stausseen und Kanäle. In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Anzahl der Großstaudämme weltweit von 5.750 auf mehr als 47.000 versiebenfacht, 22.000 davon finden sich allein in China.

Wasser gehört allen

Schwer verdaubare Statistik-Salven, wie sie Michael Moore mit Vorliebe in seinen Sachbüchern abschießt, gibt es in “Wem gehört das Wasser?” kaum. Und wenn doch, dann bringen die schönen Bilderstrecken zwischen den Texten die Freude am Lesen zurück und lassen das ein oder andere Zahlenungetüm vergessen. Dass es auch in puncto Design und Layout Maßstäbe setzt, macht dieses kluge Buch nur noch besser. Übersichtliche Infografiken veranschaulichen vermeintlich simple Fragen wie: Was passiert eigentlich mit dem Niederschlag? Wie viel Wasser braucht es, um ein Kilo Rindfleisch zu produzieren? Das Buch hat sogar das Zeug zum Standardwerk: Es deckt nahezu jedes Thema ab, das im Zusammenhang mit Wasser von Bedeutung ist.

Ein Plädoyer am Ende beantwortet schließlich die im Titel aufgeworfene Frage. Fazit: Ein Element wie das Wasser, das sich ständig im Fluss befindet, entzieht sich auch jedem Besitzanspruch, sei er politisch oder ökonomisch.

EAWAG, Müller (Hg.): Wem gehört das Wasser? (Lars Müller Publishers 2006, 44.90 €) Von Andreas Braun

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